Algorithmen bestimmen über viele Bereiche in unserem digitalen Leben. Aber längst beginnen sie auch in Alltagsbereiche einzugreifen.

"Es gibt viele automatisierte Entscheidungsprozesse, die unbedingt gesellschaftlicher Überprüfung bedürfen. Darunter fallen selbstfahrende Autos, wer mit seinen Beiträgen an die Öffentlichkeit kommt und wer nicht. Das sind Themen, die heiß diskutiert werden", sagt Matthias Spielkamp. Seit Mai 2016 ist die Initiative AlgorithmWatch online, die der Journalist, Philosoph und Informatiker mit Lorena Jaume-Palasí, Lorenz Matzat und Katharina Anna Zweig ins Leben gerufen hat. Sie wollen die Prozesse algorithmischer Entscheidungsfindung (Algorithm Decision Making) unter die Lupe nehmen.

Ein Algorithmus ist eine Handlungsanweisung. Dabei werden die verschiedenen nacheinander folgenden Schritte definiert. Zwischen den Schritten finden verschiedene Berechnungen statt bis hin zur Lösung. "Diese Algorithmen können unendlich komplex sein", erklärt Matthias Spielkamp.

Einsatzbereiche für Algorithmen: Facebook, Google-Suchmaschine, Navigationssysteme. Diese Bereiche hält Matthias Spielkamp für weniger problematisch. Wichtig wird die Kontrolle von Algorithmen beispielsweise, wenn sie darüber entscheiden, ob ein Straftäter auf Bewährung entlassen wird oder nicht.

"Algorithmen nehmen uns ganz viele Aufgaben ab, die wir überhaupt nicht mehr machen wollen."
Matthias Spielkamp, Mitbegründer von AlgorithmWatch

In den USA werden Algorithmen in verschiedenen Bereichen bereits eingesetzt. Aber auch in Deutschland kommt die "Vorausschauende Polizeiarbeit" oder "predictive policing" zum Einsatz, die sich auch auf Algorithmen stützt. Die Polizei in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Berlin und anderen Bundesländer nutzen bereits diese Form der Verbrechensbekämpfung.

"Wir wollen diese Technologie zu unserem und zum gesellschaftlichen Wohl nutzen, aber genau deshalb ist es wichtig, dass die Algorithmen, die so eine hohe Eingriffstiefe in unser Leben haben, dass die auch genau angeguckt werden."
Matthias Spielkamp, Mitbegründer von AlgorithmWatch

Wo wir heute schon dankbar Algorithmen einsetzen sind beispielsweise Spam-Filter auf Mail-Server, sagt Matthias Spielkamp. "Da laufen auch Algorithmen, die für uns die Entscheidung treffen," sagt Matthias Spielkamp.

Transparenz bei ethischen und politischen Entscheidungsporzessen

Wo sind die Grenzen? Beispiel selbstfahrende Autos: Wie entscheidet das Auto im Konfliktfall, ob es eher die eine oder die andere Person umfährt, oder lieber auf ein Hindernis auffährt und den eigenen Fahrer opfert? Das sei kein Problem des Algorithmus, sagt Matthias Spielkamp. Die Entscheidung würde bereits lange vorher von Menschen getroffen, für die das auch ein Dilemma sei, für das es keine richtige Lösung gebe. "Es muss eine computerisierte Lösung geben, die das Auto nachher steuert," sagt der Journalist. "Aber die Entscheidung darüber, was dieses Auto dann machen soll, die treffen wir eigentlich vorher."

"Wenn wir mit diesen Technologien leben wollen, dann muss uns bei schwierigen Entscheidungen einfach klar sein, wie sie zustandekommen."
Matthias Spielkamp, Mitbegründer von AlgorithmWatch

Um dieses Problemfeld zu bearbeiten, hat das Verkehrsministerium eine Ethikkommission eingerichtet. Das sei genau der richtige Weg, sagt Matthias Spielkamp, "denn das ist eine ethische Frage, die entschieden werden muss".

Neben den ethischen Fragen, die vor der Programmierung von Algorithmen getroffen werden müssen, gibt es auch politische. Denn je nachdem wie programmiert wird, hat diese Entscheidung Einfluss auf uns als Individuum und auch als Gesellschaft, sagt Matthias Spielkamp.

Transparenz bedeute aber zum Beispiel nicht, dass Google seine Such-Algorithmen offen lege, sondern dass für alle klar nachvollziehbar sei, nach welchen Kriterien entschieden werde. Nur so könnte eine gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber diesen neuen Technologien entstehen.

Im Rahmen von AlgorithmWatch arbeitet Matthias Spielkamp mit dem Team an einem Positionspapier, in dem Kriterien formuliert werden, nach denen Algorithmen untersucht werden sollen. Gleichzeitig arbeiten sie an der Entwicklung von Methoden, mit denen sie Algorithmen sowohl wissenschaftlich als auch journalistisch überprüfen können.