Die Uni hat wieder angefangen, die Semesterferien sind vorbei - auch in der Türkei. Das erste Mal eröffnet heute (18.10.) der türkische Präsident Erdogan das akademische Jahr. An den Unis fehlen allerdings viele Dozenten, sie wurden nach dem Putsch-Versuch im Sommer entlassen. Einige von ihnen haben eine Alternativ-Uni gestartet.

Allein an der Kocaeli-Uni im Nordwesten der Türkei wurden 19 Dozenten und Professoren vom Rektor entlassen. Die Wissenschaftler haben sich davon nicht einschüchtern lassen. Sie bieten jetzt weiter Seminare an. Diese alternativen Kurse haben schon begonnen und werden von einigen Dutzend Studenten besucht.

Die 19 Dozenten dürfen die Uni nicht mehr betreten, weil sie als regierungskritisch gelten. Sie gehörten nicht zur Gülen-Bewegung, die den Putsch verursacht haben soll. Sie wurden deshalb vor die Tür gesetzt, weil sie die Kurdenpolitik der Regierung ablehnen.

Güven Bakirezer, Dozent für Sozialwissenschaften
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Güven Bakirezer, Dozent für Sozialwissenschaften, wurde von Erdogan gefeuert und gibt jetzt Alternativ-Kurse.

Alle Seminare der regierungskritischen Dozenten finden in den Räumen einer Gewerkschaft statt. Es gehen viele Studenten hin, denn da gibt es zum Beispiel ein Seminar über die Philosophie der Meinungsfreiheit. Viele Studenten haben aber auch Angst, zu den alternativen Kursen zu gehen, weil sie nicht auf einer Liste landen wollen und später vielleicht keinen Beruf ausüben dürfen.

"Die Verunsicherung ist groß. Ich befürchte, diese Alternativ-Uni wird es nicht lange geben. Denn die Dozenten kriegen kein Geld und die Studenten keine Scheine."
Thomas Bormann, ARD-Korrespondent in Istanbul

Insgesamt gibt es schon noch einige Rektoren in der Türkei, die nicht für oder gegen einen Regierungskurs stehen wollen, sondern für die Freiheit der Wissenschaft an ihrer Universität. Das wird allerdings immer schwieriger: Wenn irgendwo Stellen frei werden, sorgt die Regierung dafür, dass regierungstreue Dozenten diese bekommen.

An einigen Unis fallen Seminare aus.

Die Dozenten, die noch im Dienst sind, trauen sich gar nicht mehr, Seminare anzubieten, die kritisch klingen könnten. Viele Studenten sagen, dass dadurch auch das akademische Niveau der türkischen Unis in den Keller gedrückt wird. Deshalb ist an vielen Unis die Stimmung etwas niedergeschlagen.

"Die Regierung tut so, als ob alles ganz normal weitergeht. Aber hinter den Kulissen sagen viele Studenten: Ich will ins Ausland. Denn da habe ich die Freiheit, zu studieren, was ich auch wirklich will.“
Thomas Bormann, ARD-Korrespondent in Istanbul