Hochzeiten zum Fremdschämen - ihr kennt das. Auf den Einladungskarten knutscht das Hochzeitspaar, bei der Trauung dudelt ein Alleinunterhalter auf dem Keyboard und hinterher trägt die Großtante noch ein kitschiges Gedicht vor. Unser Autor Julian Ignatowitsch war kürzlich auf so einer Hochzeit und hat sich gefragt: Geht das auch anders?

Julian ist 30, hat sich aber bisher noch keine Gedanken ums Heiraten gemacht. Seine Freundin Sara und er haben sich aber immer gesagt: Wenn es eines Tages so weit ist, wird das eine große Party mit Freunden, Spaß und ohne irgendwelche Pflichten oder den Onkel, den keiner leiden kann. Sie wollen an dem Tag nur das machen, was ihnen gefällt. Aber was ist das eigentlich? Julian hört sich mal um: Auf der Vintage-Wedding-Messe soll es coole, klassische Hochzeitsideen geben. Mit vintage ist das allerdings so eine Sache: Auch wenn der Name anderes vermuten lässt - alles was hier zu sehen ist, will vor allem jung, individuell und anders sein.

"Ich glaube, Brautpaare wollen heute einfach schön heiraten. Sie wollen nicht ins Gasthaus um die Ecke gehen und dort ein liebloses Tischgedeck vorfinden. Sie wollen ihre Persönlichkeit in das Fest interpretieren."

Julian läuft mit seiner Freundin Sara und Patrica vom Blog hochzeitswahn über die Messe. Sie starten beim Fotobus, der tatsächlich vintage ist. Und auch sonst gilt auf dem Hochzeitsmarkt: ohne Anglizismen geht gar nichts. Also heißen alle mietbaren Foto-Locations Foto Booths. Der Bus ist dabei nur eine Möglichkeit unter vielen. Familie und Freunde können sich in lustigen Posen und in schrägem Ambiente, mit Perücken, Brillen oder Batman-Maske ablichten lassen.

"Das gibt es in vielen Varianten, nicht nur Kissing Booth, sondern zum Beispiel auch Drinking Booth, wo dann alle einen Schnaps trinken."

Fast alle Trends auf der Messe stammen aus den USA, dem Mutterland von "Wedding Planer" und "27 Dresses": überall Lichterketten, Leuchtbuchstaben oder bunte Süßigkeitenplatten statt der traditionellen Hochzeitstorte. Sara und Julian gefällt das: Große leuchtende Buchstaben haben sie vom letzten Amerikaurlaub mitgebracht und Sara ist seitdem Expertin für Cake-Pops.

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An einem anderen Stand gibt es interaktive Spiele und Gästebücher, bei denen so wichtige Themen, wie die Fähigkeit zum Rückwärtseinparken oder die Frage, für wen wir ins Gefängnis gehen würden, abgefragt werden. Gäste wollten halt unterhalten werden, sagt Wedding-Planerin Patricia dazu. Aber auch, wenn solche fertigen Kennenlernspiele ganz praktisch sein können - Sara und Julian denken sich lieber selbst etwas aus. Und liegen damit voll im Trend: Do-it-yourself ist angesagt, insbesondere bei der Hochzeitsvorbereitung - vor allem bei der Blumen- und Tischdeko.

"Bräute wollen einfach viel, viel, viel selber machen, eigentlich zu viel. Es ist halt schön, wenn du dann als Braut mit deinen Freundinnen dasitzt und Blumenkränze machst."

Sara ist hier sofort dabei, Julian wäre das alles zu aufwendig, aber er sperrt sich natürlich nicht dagegen, wenn der Hochzeitstisch später so bunt und frisch wie am Messestand aussieht. Vielleicht ist er aber auch einfach nur neidisch, weil sich die ganze Messe viel stärker an Frauen als an Männer wendet. Und hier redet die Wedding-Planerin Klartext. Bei der Hochzeit stehe die Braut im Mittelpunkt, weil sie der Blickfang sei.

Der Bräutigam als Accessoire?

Ganz wichtig ist da natürlich das Hochzeitskleid. Hier muss es längst nicht mehr unbedingt weiß mit Schleier sein. Coole Röcke und schöne Oberteile gingen auch, sagt Verkäufer Daniel. Die Geister scheiden sich allerdings an Sweatshirts mit der Aufschrift "Oui, oui, Chérie" in Rosa oder Babyblau.

Und wo haben deutsche Hochzeiten Nachholbedarf? Beim Hochzeitsfilm, sagt Patricia. Sie empfiehlt ein Kamerateam, das den vermeintlich schönsten Tag des Lebens in HD festhält. Nicht als 90-minütigen Spielfilm, sondern in maximal 15 Minuten.

Eines ist am Ende jedenfalls klar: Wer sich so eine Vintage-Traumhochzeit gönnen will, muss bin zu 15.000 Euro zusammenkratzen. Eine Summe, bei der sich die eine und der andere schon überlegen dürfte, ob sie nicht doch lieber in die Südsee fliegen.