Aaron Galliner ist Jude und lebt in Berlin Wedding. Im Interview erzählt er, wo und wie ihm Antisemitismus im Alltag begegnet.

Als 14-jähriger hat Aaron (heute 31) einen Davidstern an einer Kette getragen und wurde dafür in der U-Bahn angefeindet. "Der Jugendliche, der mich da beschimpft hat, sagte mir dann, er sei von der Hisbollah. Seit dem Tag trage ich keinen Davidstern mehr um den Hals." Gesagt habe in dem Moment niemand etwas, erzählt Aaron, nicht einmal nachdem der Jugendliche die Bahn verlassen habe.

"Ich war in einem kurzen Schockzustand. Das Ganze ging sehr schnell. Dann folgte die typische Vogelstrauß-Taktik: Niemand hat was gesagt oder gesehen."
Aaron Galliner

Eine ähnlich aggressive Situation hat Aaron seitdem nicht mehr erlebt. Stattdessen erlebt er eher latenten Antisemitismus, den viele Menschen nicht einmal selbst wahrnehmen. Dazu gehören zum Beispiel Sätze wie: "Naja, was ihr da in Israel macht, ist nicht ok." Dazu sagt Aaron: "Wer ist ihr? Und was mache ich da? Ich mache da gar nichts!" Wenn Aaron das Gefühl hat, es lohne sich in so einer Situation zu antworten, erklärt er seine Sicht der Dinge. "Dann habe ich fast schon eine aufklärerischen Anspruch. Ich möchte den Leuten klar machen, dass das eine antisemitische Aussage ist. Und dann entstehen interessante Gespräche."

Aaron zeigt nicht, dass er Jude ist

Das macht Aaron aber nicht immer: Manchmal sind Leute einfach zu verbohrt, um sie in ein Gespräch zu verwickeln. Diese Situationen passieren ihm aber nicht sehr oft, denn Aaron hat sich ganz bewusst dafür entschieden, nicht mehr zu zeigen, dass er Jude ist. Aaron wohnt in Berlin Wedding - ein Viertel, in dem viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Wenn er in den türkischen Supermarkt geht, wird er manchmal sogar auf türkisch angesprochen. "Wenn ich da mit einem Davidstern rumlaufen würde, dann könnte ich nicht einfach so einkaufen", vermutet Aaron.

"Ich habe vor allem mein Verhalten geändert: Man kann es nicht mehr sehen, dass ich Jude bin."
Aaron Galliner

Aarons ganz persönlicher Eindruck: Ressentiments werden heute viel offener verbalisiert als noch vor einigen Jahren. "Je offener und deutlicher das wird, desto mehr geht das in Richtung Nahen Osten, arabischer und türkischer Hintergrund." Aaron glaubt aber nicht, dass das etwas mit dem Islam zu tun hat. Er hält es viel mehr für eine kulturelle Frage.