Australien verfolgt eine rigide Flüchtlingspolitik. Wer versucht, das Land per Boot zu erreichen und dabei aufgegriffen wird, landet im Camp - zum Beispiel auf Nauru - einige Tausende Kilometer vom australischen Festland entfernt. Die Zustände in diesen Camps sind so miserabel, dass niemand von uns auch nur einen Tag dort verbringen wollte. Das hat jetzt der Guardian enthüllt. Er hat Akten eingesehen, die die australische Regierung selbst über die Zustände im Flüchtlingscamp erstellt hat.

Nauru, knapp vor dem Äquator. Es ist brüllend heiß und es wächst fast gar nichts, weil auf der Insel früher Phosphat abgebaut wurde. Seit diesen Tagen ist die Insel vollkommen verarmt - auch deshalb haben sich die Insulaner auf Australiens Angebot eingelassen, dort gegen Geld auf Flüchtlinge aufzupassen. Wer nach Nauru verfrachtet wird, muss dort in der Hitze in Zelten oder Wellblechhütten ausharren. Selbst nachts findet wegen der Hitze fast niemand Schlaf, erzählt unsere Korrespondentin Lena Bodewein. Besonders bitter: Diese Zustände müssen die Flüchtlinge jahrelang ertragen, ohne dass ihnen jemand sagt, wie es weiter geht.

"Die Flüchtlinge haben nichts weiter getan, als ein neues Zuhause gesucht und sitzen jetzt da und wissen nicht, was sie tun sollen."
Lena Bodewein, Korrespondentin für Australien

Die Folgen sind verheerend: Viele Flüchtlinge verstümmeln sich selbst. Lange Zeit hat die australische Regierung solche Fälle unter den Tisch gekehrt oder von Übertreibungen gesprochen. Flüchtlingsorganisation würden Flüchtlinge zur Selbstverstümmlung anheizen, damit sie zur Behandlung aufs australische Festland geflogen werden. Jetzt hat der Guardian allerdings Akten ausgewertet - und dort ist nicht nur von Selbstverstümmlungen, sondern auch von Kindesmissbrauch zu lesen. 2000 Fallberichte haben Wachleute und Sozialarbeiter verfasst. Und in mehr als der Hälfte der Berichte geht es um Kinder. Das ist besonders schockierend, weil in den ersten Jahren gar nicht viele Kinder auf der Insel lebten.

Kinder beschreiben unter anderem, dass sie im Medizinraum waren und dort von Wachleuten bedrängt wurden. Und Achtjährige berichten, sich das Leben nehmen zu wollen. Weil ihre Mutter im Hungerstreik sei, sie nicht mehr in den Arm nehme und sie selbst nur noch von Blut und Zombies träumten. Und auch Mütter wollen lieber mit ihren Kindern ins Wasser gehen, als noch länger auf Nauru zu bleiben.

"Es ist wirklich erschütternd, was in den Berichten festgehalten wird."
Lena Bodewein, Korrespondentin für Australien

Lena Bodewein hat mit einer Ärztin gesprochen, die nur eine Woche auf Nauru war und seitdem nicht mehr schlafen kann. Man kann sich also vorstellen, wie es Kindern gehen muss, die dort Jahre ausharren müssen. Die Wachleute auf Nauru sind bei privaten Sicherheitsfirmen angestellt. Einige von ihnen stammen aus Australien, andere aus anderen Ländern. Und wer besser bezahlt werde, übe Druck auf schlechter bezahlte Mitarbeiter aus. Das führe zu Frustrationen und den unmenschlichen Zuständen. Die Vereinten Nationen sagen mittlerweile: Die Zustände auf Nauru grenzen an Folter.

Sozialarbeiter werden für einige Monate auf die Insel geschickt und kommen dann nach Australien zurück. Lena Bodewein hat mit einem gesprochen, der erzählt: Nauru verfolgt ihn immer noch. Wobei die australische Regierung ein Gesetz erlassen hat, das verbietet, über die Zustände auf Nauru zu sprechen. Viele Australier blendeten die Situation auf Nauru aus, sagt Lena Bodewein. Bleibt die Frage, dass sich das nach Berichten jetzt ändert.