"Erschlagt die Armen!" von Shumona Sinha erzählt die Geschichte einer Dolmetscherin in einer Pariser Asylbehörde, die schon alles gehört hat - und alles übersetzt. Wort für Wort für Wort.

"Erschlagt die Armen!" erschien in Frankreich bereits vor fünf Jahren, 2011. Daraufhin verlor die Autorin Shumona Sinha ihre Arbeit bei der französischen Migrationsbehörde. Sie hatte dort in ihre Muttersprache Bengalisch übersetzt.

Den Name der Übersetzerin im Roman kennen wir nicht. Die Dolmetscherin im Buch - sie hat alles schon gehört und alles übersetzt, ohne etwas zu verdrehen oder zu beschönigen. Es sind Geschichten von Misshandlungen, Verfolgungen und Vergewaltigungen.

Mal ist es die falsche Religion, mal die Angst vor folternden Terroristen, die die Asylsuchenden in die Ferne trieb. Es ist eigentlich immer dasselbe, abgesehen von einigen Details, Daten, Namen. Es war, als würden hunderte Menschen, die meisten von ihnen Männer, ein und dieselbe Geschichte erzählen.

Erfunden, um zu überleben

Die meisten dieser Geschichten sind nicht wahr. Sie sind ausgedacht und auswendig gelernt. Erfundene Erinnerungen, falsche Zeugnisse, umgedeutete Brandnarben. Mit Zwiebelringen oder kleinen Chilistückchen heimlich provozierte Tränen. Weil die Geflohenen wissen, dass etwas wie eine Sturmflut, die ihre Reisfelder in ihrer Heimat in Indien zerstört hat, nicht als Grund für Asyl ausreicht.

Am Ende der Kräfte

Doch die Dolmetscherin gerät bald an ihre Grenzen. Ihr Mitgefühl wird verlacht. Ihre Kollegen spotten über sie. "Du bist darauf reingefallen", sagen sie. Nicht lange danach sitzt die Dolmetscherin in einem kargen Raum mit nackten Wänden aus Beton. Sie wird verhört. Sie hat einem Mann in einer U-Bahn-Station eine Flasche Rotwein über den Schädel gezogen. Sie hatte alles geglaubt. Jetzt glaubte sie nichts mehr. Sie glaubte nicht einmal mehr sich selbst.