In der Nacht vom 4. auf den 5. September 2015 ließ die Bundesregierung Tausende Flüchtlinge nach Deutschland. Seitdem wird ihr vorgeworfen, damit weitere Flüchtlingsströme motiviert zu haben. Belegen lässt sich dieser Vorwurf aber nicht.

"Die Merkel hat die Flüchtlinge eingeladen." / "Die Merkel hat die Grenzen aufgemacht." / "Alle Flüchtlinge kommen wegen der Mutti Merkel."

Es sind nicht wenige Menschen, die genau dieser Meinung sind: Weil Angela Merkel im September 2015 die Grenzen geöffnet hat, seien so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Und: Auch deswegen hätten sich Tausende weitere Menschen motiviert gefühlt, ebenfalls nach Deutschland zu fliehen.

Kurzum: Das stimmt nicht. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Grenzöffnung und Merkels Satz "Wir schaffen das" einerseits und den Flüchtlingszahlen andererseits ist nicht zu erkennen.

Genauere Daten benötigt

Karsten Polke-Majewski ist bei Zeit Online Leiter des Ressorts Investigativ/Daten. Er hat die Annahme, Merkel hätte große Massen von Flüchtlingen mehr oder weniger höchstpersönlich nach Deutschland eingeladen, gemeinsam mit Kollegen untersucht. Dafür haben sie sich auf die Suche nach Daten gemacht, die belegen, wie viele Flüchtlinge zu welchem Zeitpunkt nach Deutschland gekommen sind. Und wie schnell diese Zahl gewachsen ist.

Es gibt ein System beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das ankommende Flüchtlinge zählt. Das Problem: Die Zahlen basieren auf Monatsbasis - zu ungenau, um zu untersuchen, welche Aussagen und Handlungen deutscher Politiker Folgen auf die Flüchtlingszahlen hatten. Was Karsten Polke-Majewski brauchte: Zahlen auf Wochenbasis. Das Bundesamt hat die zwar nicht herausgegeben (obwohl sie vorliegen), die Zeit-Online-Journalisten haben sie aber auf anderem Wege bekommen.

"Die Bewegung war in vollem Gange, noch bevor Merkel überhaupt irgendetwas gesagt hat."
Karsten Polke-Majewski

Die Zahlen auf Wochenbasis zeigen: Die Fluchtbewegung hat schon im Frühjahr 2015 begonnen und ist bis Oktober steil angestiegen. Aber: Der Tag, an dem die Bundeskanzlerin die Flüchtlinge angeblich eingeladen hat - besser: die Nacht vom 4. auf den 5. September - spielt in dieser Entwicklung der Flüchtlingszahlen keine Rolle.

Vielmehr zeigen die Daten, dass sich vor Anfang September schon viele Flüchtlinge auf den Weg gemacht haben. Das bestätigt auch der Blick nach Griechenland - ein Transitland auf dem Weg nach Deutschland. Die meisten Flüchtlinge sind im Juli und August 2015 nach Griechenland gekommen. "Das heißt", sagt Karsten Polke-Majewski, "die Bewegung war in vollem Gange, noch bevor Merkel überhaupt irgendetwas gesagt hat".