Im Januar 1077 kam es vor den Toren der Burg Canossa in der Emiglia Romana zu einer denkwürdige Situation: Der deutsche König Heinrich IV. – barfuß und im Büßergewand – flehte um die Gnade des Papstes, der ihn mit dem Kirchenbann belegt hatte.

Heinrich IV. hatte immer wieder Bischöfe und Äbte in ihre Ämter eingesetzt und damit nach Ansicht des Papstes in die Belange der Kirche eingegriffen. Papst Gregor VII. wollte das unterbinden: Der König sollte sich dem Papst unterwerfen, das Kirchenoberhaupt wieder alleine für die Einsetzung von kirchlichen Würdenträgern verantwortlich sein. So wurde es Generationen von Schülern und Studenten beigebracht.

Deal zwischen König und Papst

Neuere Forschungen haben allerdings ergeben, dass der inzwischen sprichwörtliche "Gang nach Canossa" zwar stattgefunden hat – allerdings unter anderen Vorzeichen: Papst und König hatten scheinbar einen Deal ausgehandelt, durch den einerseits sichergestellt war, dass der Papst die Investitur vornehmen durfte.

"Es ist, wenn man so will, ein Friedensvertrag geschlossen worden. Der Papst hat in Canossa auf den König gewartet."
Johannes Fried, Historiker

Andererseits vergab der König vorher aber auch ein "Zepterlehen" an den neu eingesetzten Kirchenmann und dokumentierte so seinen Einfluss auf die Investitur. Endgültig vertraglich geregelt wurde das Ganze dann aber erst 1122 im Wormser Konkordat. Es war der Beginn der Trennung von Kirche und Staat.

Außerdem hört ihr noch in Eine Stunde History:

  • der Mediävist Stefan Weinfurter über die politische Situation, in der der Streit zwischen Kirche und Staat stattgefunden hat
  • der Historiker Wilfried Hartmann schildert Inhalt und Folgen des Investiturstreits bis zum Wormser Konkordat 1122
  • der Mediävist Johannes Fried hat herausgefunden, dass Heinrich IV. weniger als Büßer nach Canossa gekommen ist, sondern als Partner des Papstes in einem weitreichenden Deal über die Trennung von Kirche und Staat
  • DRadio-Wissen-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld über die politische Rolle des Königs zwischen den Ansprüchen der römischen Kirche und den Eigenständigkeits-Bestrebungen der deutschen Territorialherren