Dürfen wir Begriffe wie "Selektion" oder "Sonderbehandlung" heute verwenden? Beides sind Wörter aus dem Nazi-Sprachgebrauch, beides sind Wörter, die in unserem alltäglichen Sprachgebrauch zu finden sind. Ist das ok?

Angefangen hat es mit dem Streit zwischen den Zeitungen "Taz" und der "Jüdischen Allgemeinen": Ein Taz-Reporter hatte über die Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof geschrieben und dort über "Selektion" und "Sonderbehandlung" berichtet. Ein Redakteur der "Jüdischen Allgemeinen" unterstellte dem Reporter daraufhin Absicht, er wolle einen Nazi-Vergleich ziehen - und hätte die Nazi-Verbrechen auf diese Weise bagatellisiert.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?

Die beiden Zeitungen streiten sich nun hin und her. Aber gibt es wirklich Wörter, die wir heute nicht mehr benutzen sollten, weil sie von den Nazis missbraucht worden sind? Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gab es das "Wörterbuch des Unmenschen", einen Katalog, der genau solche Wörter aufgelistet hat. Darunter auch etwa "Schulung", "Zeitgeschehen" oder "Mädel". "Es scheint nicht der richtige Weg gewesen zu sein, Tabus oder Verbotslisten aufzustellen", sagt der Linguist Georg Stötzel.

"Eine Liste von Wörtern kann keine Lösung für diesen Konflikt sein."
Georg Stötzel, Linguist

Es sei auch immer eine Frage des Standpunktes, sagt der Sprachwissenschaftler. Die meisten von uns haben kein Problem mit dem Wort "Sonderbehandlung". Wenn ein Trainer feststellt, dass sein Spitzenspieler eine Sonderhandlung bekommt, ist das alltäglicher Sprachgebrauch. In der Nazi-Sprache war das hingegen eine Tarnbezeichnung für die Ermordung von Menschen - entsprechend reagiert etwa die jüdische Gemeinde, wenn der Taz-Journalist die Silvesternacht und Sonderbehandlung zusammen bringt.

Bitte mehr Geschichtsbewusstsein

"Es ist nicht die Frage von dürfen oder nicht dürfen", sagt Georg Stötzel. "Die Frage ist: Ist Geschichtsbewusstsein da oder nicht da." Für ältere Menschen, die sich noch an den Nazi-Sprachgebrauch erinnern, für die sind genau solche Wörter ein Problem und ein Zeichen für Für Geschichtsverdrängung. Besonders fällt das auf, wenn die ganz bewusst verwendet werden: "Die Geschichte der Bundesrepublik ist voll von Nazi-Vergleichen." Das Ziel, so Stötzel: Aufmerksamkeit erregen!

Der Linguist will keine schwarze Liste für Nazi-Sprech. Er wünscht sich mehr Sensibilität und Geschichtsbewusstsein.