Was haben Ziegen eigentlich mit Gerechtigkeit zu tun? Im Prinzip gar nichts, aber sie können helfen, diesen abstrakten Begriff verständlich zu machen. Anhand eines Gedankenexperiments mit Ziegen erläutert der Rechtswissenschaftler Christian Fischer das Prinzip der Gerechtigkeit.

"In einem fernen Land, weit vor unserer Zeit, spielt die folgende Geschichte: Der älteste von drei Brüdern, ein Schmied, hat 30 Ziegen, der zweite, ein Lastträger, drei. Der jüngste besitzt nichts. Er soll Hirte werden. Der Schmied gibt ihm fünf, und der Lastträger eine Ziege. Nach mehreren Jahren hat sich der Bestand beim ältesten Bruder auf 50, beim mittleren auf 10 und beim jüngsten auf 132 erhöht. Da stirbt der jüngste Bruder. Die älteren beiden überlegen, wie die 132 Ziegen zwischen ihnen verteilt werden sollen", erklärt der Rechtswissenschaftler Christian Fischer.

Eine Ziege auf einem Berg.
Das Prinzip der Gerechtigkeit wird veranschaulicht anhand eines Ziegen-Paradigmas.

Wer bekommt wie viele Ziegen?

Um dieses Gedankenexperiment dreht sich alles im Hörsaal: Sollen die Brüder halbe-halbe machen? Bekommt der mittlere mehr Ziegen als der älteste Bruder, weil er ein Drittel seines Bestands geopfert hat und der andere nur ein Sechstel? Oder bekommt der älteste mehr, weil er mehr Ziegen "investiert" hat? Welche Lösung ist gerecht?

Der Rechtswissenschaftler Christian Fischer macht an diesem Beispiel deutlich, dass es nicht eine einzig gerechte Lösung gibt. Statt von Gerechtigkeit, im Singular, sollten wir von Gerechtigkeiten, im Plural, sprechen.

Im Anschluss an den Vortrag diskutieren wir mit dem Berliner Mediator Michael Plassmann, wie er die Streitparteien im "Ziegenfall" in seiner Mediationskanzlei zu einer einvernehmlichen Lösung führen würde.