Ihr seid erfolgreich im Job? Habt aber trotzdem das Gefühl, dass irgendwann einmal der Tag kommen wird, an dem ihr auffliegt? An dem euch der Chef auf die Schultern tippt und sagt: Jaja, netter Versuch, aber wir wissen ja wohl beide, dass Sie das gar nicht können. Ihr kennt dieses Gefühl? Dann habt ihr vielleicht das Hochstapler-Syndrom.

Die Angst, aufzufliegen - das ist tatsächlich ein Phänomen, dass die Wissenschaft beschäftigt. Und das schon seit den 70er Jahren, erzählt unsere Reporterin Tina Kießling. Damals haben zwei US-Psychologinnen unter ihren Kollegen und vor allem Kolleginnen festgestellt, dass die, obwohl sie erfolgreich sind, sich das selbst nicht eingestehen können.

Auf der einen Seite kann das zu einem psychologischem Problem werden, weil mit dem Impostor- oder Hochstapler-Syndrom oft Depressionen einhergehen und sich diese permanente Angst vor der Entdeckung auch wirklich zu einer Angststörung auswachsen kann. Und auf der anderen Seite kann es so weit kommen, dass ihr nicht weiter arbeiten könnt, die Karriere also vorbei ist.

Vor allem Frauen sind betroffen

Wie viele Menschen davon betroffen sind, hängt auch davon ab, wie gemessen wird. Es gibt Studien, die sagen, dass 70 Prozent der Menschen daran leiden. Gregor Jöstl von der Universität Wien hat seine Doktoranden befragt und bei 80 Prozent von ihnen zumindest leichte Anzeichen ausgemacht. Vor allem Frauen sind betroffen.

"Ich glaube schon, dass es sehr stark an der Erziehung von Männern und Frauen liegt und an den Geschlechterstereotypen. Grundsätzlich ist Teil des Impostor-Phänomens nicht nur die Angst vor Misserfolg, sondern auch vor Erfolg."
Gregor Jöstl von der Universität Wien

Es gehe also um die Angst, durch seinen Erfolg andere gegen sich einzunehmen. Und das habe wiederum mit Rollenerwartungen an Frauen zu tun, die eher als Bedrohung wahrgenommen werden, wenn sie erfolgreich sind. Während bei Männern die Rollenerwartung eher in Richtung Dominanz und Durchsetzungsfähigkeit geht und das dann auch gelobt wird, sollen Frauen besser brav sein und nicht so rumnerven - so das Klischee. Das heißt aber nicht, dass Männer nicht auch am Hochstapler-Syndrom leiden können.

Wir können nichts vorzeigen

Tina Kießling hat einen Verdacht, woher das Phänomen kommen könnte. Wir arbeiten heute meist nicht mehr in der Fabrik, wo wir am Ende des Tages sagen können: "Ich habe 120 Autos zusammengeschraubt." Also es gibt selten Produkte, die wir vorzeigen können und an denen wir uns klar messen können. Psychologe Gregor Jöstl ergänzt: Da oft unklar sei, wie es zu Erfolgen in einem Unternehmen kommt, entstehe leicht der Eindruck, dass unseren Kollegen alles leicht fällt, und sie überhaupt keine Probleme haben, ihre Ziele zu erreichen.

Der starke Konkurrenzdruck ist beim Hochstapler-Syndrom also ein echtes Problem. Weil sich deshalb niemand traut, darüber zu reden. Dabei ist es ganz wichtig zu wissen, dass es das gibt, dass wir nicht allein sind. Wer wirklich unter der permanenten Angst leidet, dass man auffliegt, obwohl man eigentlich erfolgreich ist, sollte sich besser professionelle Hilfe holen. Für den Anfang reicht es aber vielleicht schon, mit Kollegen darüber zu reden und dann eben festzustellen: Die anderen haben auch ihre Schwierigkeiten. Oder mal einen Realitätscheck im Freundeskreis einzufordern.

Und wer wissen, will, ob er wirklich am Hochstapler-Syndrom leidet, kann das auch mit diesem Fragebogen testen.