#koelnhbf: Seit der Silvesternacht gibt es auf Twitter und Facebook unzählige Gerüchte, Beschuldigungen und voreilige Schlussfolgerungen. Besonders extreme Positionen waren und sind dabei besonders erfolgreich. DRadio-Wissen-Netzautorin Martina Schulte zieht eine Zwischenbilanz.

Migration, Islam und die Sexismus-Debatte: Da es in der Berichterstattung zur Silvesternacht in Köln gleich um drei Social-Media-Reizthemen ging, gab es in den Diskussionen zu #koelnhbf jede Menge Sprengstoff, berichtet Netzautorin Martina Schulte. Vereinfacht ausgedrückt, standen sich dabei zwei Lager gegenüber:

  • Auf der einen Seite liberale und linke bis linksextreme Stimmen, die sagen: Einwanderung, auch die von Muslimen, ist ok. Man kann von den Attacken auf Frauen in der Kölner Silvesternacht nicht auf alle anderen Einwanderer schließen.
  • Auf der anderen Seite konservative und rechte bis rechtsextreme Stimmen, die sagen: Flüchtlinge und Einwanderer aus muslimisch geprägten Ländern passen nicht zu uns. Sie sollten abgeschoben oder an der Einreise gehindert werden.

Viel Resonanz für extreme Meinungen

Martinas Eindruck: Beide Lager sind nicht in erster Linie bei Facebook oder Twitter, um miteinander zu reden oder sich zuzuhören. "Es geht darum, seine Meinung zu sagen und diese Meinung von anderen bestätigt zu bekommen - und wehe, wenn nicht!" Echo chambers nennt die Social Media Forschung dieses Phänomen, erklärt Martina Schulte, "also Resonanzräume".

Ein Beispiel: Jemand aus dem rechten Lager postet die Aussage, dass die Vorfälle von Köln etwas mit dem Islam zu tun haben. Andere, die das auch denken, wiederholen das - so lange, bis alle aus dem rechten Lager der Meinung sind, dass das die Wahrheit ist. "Die Linken wiederum tun in ihren Resonanzräumen das Gleiche", erklärt Netzautorin Martina Schulte. Heraus kommen zwei verschiedene Wahrheiten über das gleiche Ereignis.

Was am häufigsten geteilt wurde

Was die Forschung außerdem über solchen Resonanzraum-Debatten rausgefunden hat: In sozialen Netzwerken verbreiten sich extreme Meinungen stärker als die moderaten Stimmen. "Das gilt auch für #koelnhbf", hat Martina Schulte recherchiert. Sie hat sich dafür die zehn am häufigsten in sozialen Medien geteilten Online-Artikel seit dem 1. Januar 2016 angeschaut - auf Grundlage der Zahlen vom Dienst 10.000 Flies.

"Der mit Abstand am meisten geteilte Text ist der Focus-Online-Artikel der erzkonservativen Publizistin Birgit Kelle, die fragt, wo angesichts von #koelnhbf denn der Aufschrei der Linken und der Feministinnen bleibt." Dafür hat sie bislang rund 60.000 Social-Media-Shares und 85.000 Shares von NRWjetzt.de bekommen, dem konservativen Wirtschaftsportal, das von Birgit Kelles Ehemann Klaus verantwortet wird. Der Text kommt also auf rund 145.000 Social-Media-Shares, erklärt Martina Schulte. Auf Platz 2 und 3 stehen Stücke aus rechtspopulistischen Blogs.

Noch höher sind die Shares laut Martina bei manchen Videos: "Zum Beispiel das über den, wie ich finde, in Teilen rassistischen Auftritt des Journalisten Claus Strunz im Sat1-Frühstücksfernsehen zur "Schande von Köln". In dem Video erklärt Claus Strunz seinen Zuhörern, wie "der muslimische Mann" so tickt und redet von einem "Kampf der Kulturen auf unseren Straßen", den "wir" - wenn wir nicht aufpassen - verlieren. Dafür hat er bis heute rund zehn Millionen Views bei Facebook und 250.000 Shares bekommen.

"Ich habe hier in Deutschland zum ersten Mal gesehen, dass Twitter aktiv versucht hat, ultraextreme Positionen aus der Debatte zu entfernen."
Netzautorin Martina Schulte zur Diskussion um #koelnhbf

Das Ergebnis von Martinas Recherche: Es sind extreme und emotionale Positionen, die zu #koelnhbf in den sozialen Medien besonders geteilt wurden - nicht moderate oder differenzierte Stücke. Und: Twitter habe versucht, in die Debatte einzugreifen: "Die hashtags #raperefugees und #merkelmussweg, die zwischenzeitlich trendeten, wurden von Twitter entfernt", berichtet Martina Schulte. "Die Diskussion um #merkelmussweg wurde allerdings bald unter dem neuen Hashtag #abmerkeln fortgesetzt."

In einer ähnlich hitzig geführten Debatte im anglo-amerikanischen Raum hat Twitter jetzt einen britischen Journalisten für Hate-Speech bestraft und ihm sein blaues Verifikations-Häkchen weggenommen. Martina Schulte sieht Versuche, in Debatten einzugreifen eher skeptisch: "Das sind für meiner Meinung nach etwas hilflose Versuche der Social Networks". Der Historiker Steven Johnson hat sich im Guardian vor Kurzem gefragt, ob es generell eine gute Idee ist, dass wir wichtige gesellschaftliche Debatten den Algorithmen von privaten Social-Media-Unternehmen anvertrauen. Schließlich gehe es den Unternehmen nicht darum, eine Debatte sinnvoll zu steuern - sondern um möglichst viele Klicks und Likes und teuer verkaufte Anzeigen.