Im ersten Jahr der Beziehung sind Paare noch besonders aktiv im Bett. Dass die sexuelle Aktivität mit der Zeit nachlässt, ist nichts Besonderes, aber bei manchen kommt richtige Unlust auf. Er - oder meistens sie - hat einfach keinen Bock auf Sex. Eine Stunde Liebe blickt auf neue Forschungsergebnisse zu Sexlosigkeit und geht auch der Frage nach, wie sich das Lustempfinden von Demisexuellen gestaltet.

Wir nennen sie Bene und Kathi. Das Paar ist seit viereinhalb Jahren zusammen, und mit der Zeit hat Kahi immer weniger Lust mit Bene zu schlafen. Die beiden versuchen Wege zu finden, damit umzugehen. Sextoys, Pille absetzen, feste Betttermine vereinbaren. Dabei merken sie, Sex hat eine unterschiedliche Funktion für sie und hin.

"Ich habe Sex nur gerne, wenn ich entspannt und einigermaßen ausgeglichen bin; in Stresssituationen klappt es nicht. Für ihn ist Sex aber auch in Stresssituationen interessant - als Ausgleich oder Ventil."
Kathi

Für "Eine Stunde Liebe" hat DRadio Wissen Reporterin Noelle O'Brien-Coker mit dem Paar gesprochen - und sie gibt Einblicke in den neuesten Stand der Forschung zu sexueller Unlust. Dabei gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Die Psychologin Vivian Jückstock erklärt, dass Frauen Sexualität anders initiieren und auch andere Bedürfnisse haben. Bei Männern reichen oft visuelle Stimuli, die sie erregen.

"Man muss lernen, sich auf die Sexualität des anderen einzustellen. Schon rein körperlich wird Sex bei Frauen und Männern ja ganz unterschiedlich fabriziert.".
Bene

Laut einer amerikanischen Studie von 2016 haben Millennials in den USA weniger Sex als Menschen, die in den 1960ern auf die Welt gekommen sind. Das liegt auch daran, dass Millennials sich nicht so schnell auf Beziehungen einlassen, meint Diplompsychologin Vivian Jückstock.

Eine andere Form der Unlust empfinden Demisexuelle

Drei Systeme spielen in der Sexualität eine Rolle. Das Lustsystem zur Initiierung sexueller Aktivität. Das Annäherungssystem, bei dem es darum geht, welche Partner suchen wir aus und was empfinden wir als attraktiv? Und das Bindungssystem zur Aufrechterhaltung von Partnerschaft und Kooperation, dass bei Elternschaft und gemeinsamer Zukunft eine Rolle spielt. Bei Demisexualität ist das Bindungssystem besonders ausgeprägt, meint Diplompsychologin Jückstock.

"Das sind Leute, die sagen, diese Bindung ist mir sehr wichtig. Und bevor ich nicht ganz sicher bin, dass ich bei der anderen Person gut aufgehoben bin, möchte ich mich nicht mit meiner ganzen Verletzlichkeit einbringen, und dazu zählt manchmal auch Sexualität."
Vivian Jückstock, Diplom-Psychologin, Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf