Für uns gehört das zum Alltag: wir schreiben E-Mails an fremde Menschen, wir chatten mit ihnen via Facebook und Twitter, verlieben uns über Apps und in Onlineportalen. Aber was, wenn sich plötzlich raus stellt, dass es das Gegenüber gar nicht gibt?

Claus findet Christina über das soziale Netzwerk Wer-kennt-wen. Sie wird ihm als Kontakt vorgeschlagen und Claus ist neugierig. Wer ist die Frau, die auf ihrem Profil kein Bild, sondern einen frechen Text hinterlegt hat? Er schmunzelt - und geht seiner Wege. Kontakt sucht er nicht. Christina aber kann sehen, dass Claus auf ihrer Seite war - und schreibt ihm eine Nachricht. Die ist genau so frech wie ihr Profilbild. Und Claus wird neugierig. Wer mag das sein?

Mit jeder Nachricht lernen sich Claus und Christina besser kennen. Claus ist 26 Jahre alt und lebt in einem kleinen Ort im Taunus. Christina wohnt eineinhalb Autostunden entfernt in Kaiserslautern. Nach vier Monate telefonieren sie das erste Mal. Beide sind sich sympathisch. Der Kontakt wird intensiver und Claus lernt im Netzwerk auch Familienmitglieder von Christina kennen. Je näher sie sich kommen, desto mehr wünscht sich Claus ein Date mit Christina - im realen Leben. Aber die erste Verabredung platzt. Genau so wie jeder weitere Versuch in den nächsten drei Jahren...

Realfakes sind Ein-Personen-Netzwerke

Eine ähnliche Geschichte hat Victoria Schwartz aus Hamburg erlebt. Die Journalistin ist Internetnutzerin der ersten Stunde. Sie lernt ständig neue Leute über soziale Netzwerke kennen. Manche davon sind inzwischen zu echten Freunden geworden. Als Kai sie via Twitter kontaktiert, ist er zunächst eine nette Bekanntschaft. Zu schade, dass er in den USA lebt.

"Ich kannte Fakes und mir war völlig klar: Niemals würde irgendjemand mich so aufs Glatteis führen können. Ich wusste aber nicht, dass es so groß angelegte Fälle geben kann."

Kai ist intelligent, humorvoll und einfühlsam. Sie schreiben sich immer längere Nachrichten, telefonieren via Skype. Victoria erfährt dabei von Kais komplizierter Familiengeschichte. Sie verlieben sich ineinander. Und entsprechend empathisch geht Victoria mit Kais Gefühlschaos um, wenn es wieder Stress in der Familie gibt. Nach und nach lernt sie seinen besten Freund kennen und seine Geschwister. Die Beziehung mit Kai ist extrem intensiv, aber auch emotional anstrengend.

Immer wieder versuchen sie, sich zu treffen. Und immer wieder kommt plötzlich irgendwas dazwischen. Victoria glaubt, dass Kai vielleicht einfach ein Problem hat, Nähe zuzulassen. Bei seiner Familiengeschichte wäre das kein Wunder. Dann teilt ihr eine Freundin die Wahrheit mit. Sie hat seine Angaben überprüft und rausgefunden: Kai gibt es gar nicht. Und damit sind auch seine Freunde und Geschwister nicht existent. Victoria ist zunächst geschockt - und dann wütend.

"Ich war echt entrüstet und hab gedacht: Alter, nicht mit mir! Du denkst, das Netz ist anonym und dir kann nix passieren - aber, dann ist jetzt mal Schluss."
Victoria Schwartz hat ein Buch über Realfakes veröffentlicht

Realfakes auf die Spur kommen

Als Victoria Schwartz im Juni 2013 ihre Erlebnisse mit "Kai" in einem Blog veröffentlicht, erhält sie ungeahnt viele Mails von Menschen, die genau das auch erlebt haben. Auch der beste Freund von Claus findet den Eintrag. Er findet die Geschichte mit Christina so seltsam, dass er Claus den Link zukommen lässt. Der ist inzwischen in New York, um seine große Liebe Christina zu finden. Mit Hilfe von Victoria gelingt es ihm herauszufinden, dass Christina gar nicht in den USA ist. Er checkt die Header ihrer E-Mails, liest die IP-Adresse aus - alle Mails kommen aus Deutschland und Claus wird langsam klar: da hat ihn jemand gehörig an der Nase herumgeführt...

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