Müsstet ihr überlegen, welches Kästchen ihr bei der Frage nach der sexuellen Orientierung ankreuzt? Bei einer Volksbefragung in Großbritannien entschieden sich wesentlich mehr Menschen für "bisexuell" als drei Jahre zuvor. Ein Trend oder eine echte gesellschaftliche Veränderung?

In Großbritannien gibt es alle Jahre wieder eine umfassende Volksbefragung, bei der alle möglichen Einstellungen und Lebensumstände abgefragt werden. In punkto sexueller Orientierung gab es dieses Mal ein überraschendes Ergebnis: Wesentlich mehr Leute sagten, dass sie bi sind. Im Vergleich zur Umfrage 2012 war das ein Anstieg von 45 Prozent.

Als bisexuell ordneten sich besonders viele Leute zwischen 16 und 24 ein. Hier waren es 1,8 Prozent. In Bezug auf Alterklassen war der Anteil der Bisexuellen mit 0,6 Prozent deutlich geringer. Insgesamt gaben 1,7 Prozent in der Studie des nationalen Amts für Statistik an, dass sie lesbisch, schwul oder bi seien. Außerdem gab es bei der Frage nach der sexuellen Orientierung noch andere Auswahlmöglichkeiten. Man konnte beispielsweise "anderes" ankreuzen oder aber die Frage auslassen.

Nur ein Trend oder echter Shift?

Frederike Wenzlaff, Sexualforscherin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), kann in Langzeitbeobachtungen bisher keinen eindeutigen Trend erkennen. Auch in Deutschland liegt der Anteil derer, die sich als bisexuell sehen, bei konstant unter fünf Prozent. Bei Befragungen könne eine Art sozialer Erwünschtheit nie ganz ausgeschlossen werden, erklärt die Wissenschaftlerin. Ist es echte Überzeugung, Identität oder hat es doch andere Gründe?

"Immer mal wieder gibt es Schwünge in den Medien, wo es heißt, bi sein, ist schick und hip. Das ist aber eher auf einer Ebene, die nicht unbedingt etwas mit dem wirklichen Begehren zu tun hat. "
​Frederike Wenzlaff, Sexualforscherin UKE Hamburg

Sexuelles Verlangen oder Orientierung in Studien zu messen, ist schwer. Es gibt in der Sexualforschung Untersuchungen, bei der die körperliche Reaktion auf entsprechende Reize gemessen wird. Nicht immer passten die Ergebnisse zu dem, was jemand als sexuelle Orientierung angegeben hat.

"Es ist schwierig zu trennen, worüber eigentlich gesprochen wird."
​Frederike Wenzlaff, Sexualforscherin UKE Hamburg

Bei der Einordnung der sexuellen Orientierung lässt sich oft keine trennscharfe Linie ziehen. Bedeutet jemanden anziehend zu finden, auch mit ihm (oder ihr) schlafen zu wollen? Und kommt es dann auf primäre und sekundäre Geschlechtsorgane an? Ein wenig Abhilfe beim Entscheidungswirrwarr soll eine neue Kategorie schaffen: Pansexuell. Popstar Miley Cyrus identifiziert sich so. Heißt: Es ist ihr völlig schnuppe, welches Geschlecht jemand hat – männlich weiblich, trans, inter. Sie verliebt sich in einen Menschen .

Sexualforscherin Frederike Wenzlaff sieht in dieser Kategorie keine sexuelle Revolution: "Ich glaube, die Pansexualität ist ein Versuch, sich ein bisschen moderner zu präsentieren und auch nicht-binäre Menschen mit einzubeziehen. Das ist eher ein politischer Begriff."

Vielleicht hilft es aber auch, dass wir meistens ja nicht in Fragebögen Checkboxen ankreuzen müssen, auf wenn wir gerade stehen - und auf wen generell.