Im Netz geht das Thema rauf und runter. In der Silvesternacht sind am Kölner Hauptbahnhof offenbar mindestens 60 Frauen massiv sexuell belästigt worden. Eine Frau soll sogar vergewaltigt worden sein. Die Polizei spricht von 1000 Männern. Im Netz wird heftig darüber diskutiert - vor allem geht es um die Herkunft der mutmaßlichen Täter. Einige vermissen einen Aufschrei, es gibt deutliche Medienkritik.

Die umstrittene Autorin Birgit Kelle vermisst im Focus einen feministischen Aufschrei in Folge der Taten. Den Grund, dass es diesen Aufschrei nicht gebe, sieht sie darin, dass es, Zitat: "die falschen Täter seien". Dadurch, dass es mutmaßlich Männer mit Migrationshintergrund waren, würde das feministische Netz stumm bleiben.

"Aufschrei 2016? Eher Aufschrei 0.0 - kein Aufschrei, nirgends."

Hätte es sich bei den Tätern zum Beispiel um deutsche Hooligans gehandelt, sagt sie, so würden wir alle inzwischen deren Vornamen kennen, Medien hätten vermehrt berichtet, niemand hätte ein Problem damit gehabt, dass die Identität der Täter offen genannt werde, schreibt sie.

Vor drei Jahren: #Aufschrei

Kelle spielt auf eine Geschichte vor drei Jahren an: #Aufschrei. Da ging es darum, dass der damalige FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle zu einer Journalistin etwas Sexistisches gesagt haben soll. Damals gab es einen Riesen-Aufschrei im Netz. Und genau diesen Aufschrei vermisst Kelle jetzt. Auf Twitter und Facebook bekommt sie viel Zuspruch dafür.

Medienversagen?

Anabell Schunke schreibt zum Beispiel auf rolandtichy.de von einem "Medienversagen", das den "sozialen Frieden gefährde". Ihrer Meinung nach verschweigen Medien bewusst Informationen. Der Vorfall in Köln erinnert sie an Zustände in Ländern wie Tunesien und Libyen während des arabischen Frühlings, oder auch an Indien.

"Die massive Zuwanderung durch Flüchtlinge aus patriarchalisch geprägten, muslimischen Ländern [wird] vor allem zu Lasten der hier lebenden Frauen gehen."

Antje Schrupp vom Blog Fisch und Fleisch widerspricht. Es "kotze sie an", dass die Sicherheit von Frauen immer und immer wieder instrumentalisiert werde. Dass andere genau wissen, dass es "diese Ausländer waren, vor denen sie schon immer gewarnt haben". Obwohl gar nicht alles feststehe. Dass Angela Merkel schuld sei, weil sie Asylsuchende ins Land lasse. Und dass Feministinnen schuld seinen, weil sie offenbar wegen harmloser Witze Aufschreie veranstalten, aber nicht wegen der Vorfälle in Köln.

Sachliche Ursachenforschung

Nach der Meinung von Antje Schrupp sind das hysterische Schnellschüsse, wichtig wäre eine sachliche Ursachenforschung. Täter müssten konsequent verfolgt werden, egal wer oder was sie sind.

"Alles, was sich aus den Kölner Ereignissen bisher ablesen lässt ist, dass es auch unter nordafrikanisch aussehenden Männern gewalttätige Arschlöcher gibt."

Es sei der rechte Sumpf, der verhindere, dass real bestehende Probleme angegangen und thematisiert werden. Wichtig wäre ihrer Ansicht nach eine sichtbare Kultur des Respekts.

Die Meinung unserer Netzreporterin

Donya Farahani stimmt zu: Dass die Medien das Thema verschweigen, weil es die "falschen Täter" seien, sei so nicht richtig. Regionale Medien hätten bereits sofort am Neujahrstag über die Vorfälle berichtet.

"Es gab einfach keine neuen Infos. Und es war das Neujahrswochenende dazwischen."
​Donya Farahani, DRadio Wissen Netzreporterin

Wann sollten Medien berichten, dass jemand einen Migrationshintergrund hat oder nicht? Wenn die Beschreibung dazu diene, dass ein Täter anhand seines Akzents (oder anhand der Tatsache, dass er schwarze Haare hat etc…) identifiziert werden könne, dann sei das in Ordnung, findet Donya. In allen anderen Fällen habe das dort aber nichts zu suchen. Denn das wäre dann unterschwelliger Rassismus und bedürfe eines Aufschreis.