Ein Großteil der Facebook-Nutzer empfindet das Klima in dem sozialen Netzwerk als zunehmend aggressiv und emotional. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Munich Digital Institute. Jede(r) Fünfte will die Plattform in Zukunft deshalb weniger nutzen.

Das Munich Digital Institute (MDI) ist eine Art Forschungseinrichtung, zu der sich mehrere bekannte deutsche Social-Media-Agenturen und Berater zusammengeschlossen haben. Das MDI hat für die Umfrage zwischen dem 13. und 15. Januar 2016 rund 1200 Facebook-Nutzer befragt. Die Ergebnisse decken sich mit dem Gefühl, das unsere Netzautorin in den Wochen nach #koelnhbf auch gewonnen hat:

"Mehr als ein Drittel der befragten User sagt, dass es mehr persönliche Angriffe gibt. Etwa zwei Drittel nehmen mehr Fremdenfeindlichkeit wahr."
Martina Schulte, DRadio Wissen

Die Ergebnisse im Überblick:

  • Fast drei Viertel der Befragten stellt eine zunehmende Aggressivität oder Emotionalität in den politischen Diskussionen bei Facebook fest
  • 60 Prozent der interviewten Facebook-Nutzer sagt außerdem, dass die Stimmung insgesamt ernster geworden ist
  • Fast drei Viertel der Befragten haben festgestellt, dass sie im eigenen Feed mehr extreme politische Meinungen finden

Und was heißt das jetzt?

Die meisten Befragten ziehen keine großen Konsequenzen. 70 Prozent wollen Facebook wie gewohnt weiter nutzen. Jeder fünfte User sagt, er wolle den Facebook-Konsum reduzieren.

"Fast die Hälfte der Befragten will Freunde im Netzwerk mit bestimmten politischen Meinungen zukünftig entfreunden."
Martina Schulte, DRadio Wissen

Über die Hälfte der an der Umfrage Beteiligten gibt an, hetzerische Kommentare zukünftig zu melden. Mit diesen Angaben muss man etwas vorsichtig sein - sollte sich aber ein Teil der Befragten tatsächlich so verhalten, wäre das für Facebook ein ernst zu nehmendes Signal.

Facebook und politische Diskussionen

Zwei Drittel der User sagen, solche Diskussionen seien zu anstrengend. 55 Prozent meinen sogar, sie würden zu nichts führen.

"Einerseits sagen die Befragten, dass sie sich auf Facebook zu politischen Themen informieren. Aber nur weniger als die Hälfte beteiligt sich auch an politischen Diskussionen."
Martina Schulte

Vor allem die jüngeren Facebook-Nutzer zwischen 20 und 39 Jahren halten sich in politischen Diskussionen zurück. Ebenso die Frauen: Zwei Drittel der Befragten beteiligen sich nicht an politischen Diskussionen bei Facebook.

Schlussfolgerungen

  • Die Autoren schreiben: Die Bereitschaft zum offenen Dialog sinkt. Der Ton werde rauer, der Extremismus nehme zu
  • Und: Facebook-Nutzer wollten Bindungen eher lösen oder sich ganz zurückziehen, als sich auf eine sachliche Auseinandersetzung einzulassen
"Rein wirtschaftlich betrachtet ist dieser Prozess für Facebook eine Gefahr."
Martina Schulte

Facebook sei darauf angewiesen, sagen die Autoren der Umfrage, dass die Nutzer auf der Plattform interagieren und soziale Daten generieren - die dann über Werbeformate an die Wirtschaft verkauft werden. Sollte nur ein Teil der Nutzer, die angeben, Facebook weniger zu nutzen, das tatsächlich wahr machen, dann sinkt langfristig die Bedeutung von Facebook im deutschen Werbemarkt.