Viele Chinesen aus ländlichen Regionen arbeiten in Industrieregionen, weit entfernt von zu Hause. Ihre Kinder lassen sie zurück, bei Großeltern oder in behelfsmäßigen Internaten. Mehr als 60 Millionen Kinder betroffen - und sie wachsen unter widrigen Umständen auf und sehen ihre Eltern oft nur einmal im Jahr.

Die Wanderarbeiter in den Städten sind Bürger zweiter Klasse. Sie haben weniger Rechte, viele Sozialleistungen fehlen ihnen. Und ihre Kinder haben kaum eine Chance, in eine städtische Schule zu kommen, also bleiben sie zuhause. 60 Millionen Kinder sind davon betroffen, 40 Prozent der Kinder in den ländlichen Gebieten. So viele leben ohne Eltern in ihrem Heimatdorf. Wenn sie Glück haben, kümmern sich Verwandte um sie, sonst sind sie auf sich alleine gestellt. Sie sind die liushou ertong, die Zurückgelassenen.

Ein Zirkel der Armut

Nach wenigen Jahren Schulen werden die Kinder dann ungelernte Arbeiter, so wie ihre Eltern. "Das ist ein Zirkel der Armut", stellt China-Korrespondentin Ruth Kirchner fest. Eigentlich haben die Großeltern kaum Zeit für ihre zurückgelassenen Enkel, manche sind mit der Betreuung schlichtweg überfordert - und wenn sie doch die Zeit haben, können sie die Kinder kaum fördern, sagt Ruth Kirchner: "Gerade in den ländlichen Gebieten haben die Großeltern sehr wenig eigene Schulbildung." Hausaufgabenhilfe, Fehlanzeige. Ein modernes Leben ebenso.

"Es gibt keine Atmosphäre, in der Bildung und Lernen eine große Rolle spielt - die Kinder werden so selbst wieder ungelernte Arbeiter."
China-Korrespondentin Ruth Kirchner

Für den Staat China ist das ein riesiges Problem, trotzdem gibt es noch nicht sehr viele Hilfsangebote für die Kinder und die Familien. So werden die Familien auf Jahre hinaus auseinandergerissen. "Vielen dieser Kindern fehlt es an Selbstvertrauen, an engen Bindungen, an emotionaler Nähe", sagt Ruth Kirchner, das setze sich auch bis ins Erwachsenenalter fort.

"Es gibt immer wieder Fälle, die das Land aufrütteln: In Südchina haben sich kürzlich vier zurückgelassene Geschwister selbst umgebracht."
China-Korrespondentin Ruth Kirchner

An manchen Dorfschulen gibt es Ernährungsprogramme, NGOs schicken junge Lehrer. Eine grundsätzliche Lösung für das Problem gibt es aber nicht. Die Zukunftschancen vieler Kinder hängen stark von einzelnen engagierten Lehrern und Schulleitern ab, die Potenzial in ihren Schülern erkennen und sie wenigsten punktuell fördern.

Einmal im Jahr, am Neujahrstag, finden die Familien wieder zusammen. Dann besuchen die Eltern ihre Kinder in der Heimat. Wenn es klappt. Sonst sehen sie sich erst ein Jahr später.

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