Einer der Attentäter von Paris war gerade mal 20 Jahre alt, die anderen kaum älter als 30. Diese Männer haben Menschen ermordet, die sie für "Ungläubige" hielten. Jemanden so weit zu bringen, gehe nur mit Gehirnwäsche, sagt die Islamwissenschaftlerin und Religionslehrerin Lamya Kaddor. Warum Menschen in den Dschihad ziehen.

Wenn sich junge Menschen dem Dschihad anschließen, spielen zu Beginn banale Dinge eine Rolle:

  • Anschluss finden an eine Gruppe
  • Aufwertung des Selbstwertgefühls
  • Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommen

Erst später - nach der Gehirnwäsche - geht es auch darum, Krieg zu spielen, eine Waffe in der Hand zu haben, ein Held zu sein, erklärt Lamya Kaddor. Terrororganisationen erreichen die jungen Menschen mitten in deren Leben. "Wenn ich mich sportlich betätige, laden sie mich in andere Sport- oder Fußballgruppen ein. Sie gründen Mädchengruppen und laden zu Gesprächen´ein. Es kann aber auch sein, dass ich mitten in der deutschen Fußgängerzone angesprochen werde", sagt Lamya Kaddor.

Eine solche Geschichte hat DRadio-Wissen-Autorin Eli Veh übrigens in der Sendung Einhundert erzählt.

Die Schwächsten sind bestimmt für die Gehirnwäsche

Lamya Kaddor ist selbst Religionslehrerin, sie hat in ihren Klassen schon erlebt, wie sich plötzlich junge Menschen radikalisiert haben. Darüber hat sie bei DRadio Wissen auch schon im Hörsaal gesprochen. "Das waren vorher ganz normale Menschen, die mal Alkohol tranken, in Diskos gegangen sind, die von Religion sehr wenig Ahnung hatten", erzählt sie von ihren Schülern. Später erfuhr sie dann, dass diese Schüler sich zu einem Koranzirkel zusammengefunden hatten - einberufen durch charismatische Männer. Erst viel später sortieren die Leiter des Koranzirkels dann aus: Wer ist so verloren und so sehr auf der Suche nach Aufmerksamkeit? Diesen Menschen versuchen sie die Ideologie des Salafismus überzustülpen, sagt Lamya Kaddor.

"Sie sprachen dann über Gott und die Welt. Das Wort Salafismus fiel da nie. Das hätte zu sehr abgeschreckt."
Lamya Kaddor über bestimmte Koranzirkel, die Ausgangpunkt für Radikalisierung sind

Einige der Attentäter von Paris sollen mit dem Brüsseler Problembezirk Molenbeek in Verbindung stehen - ein Viertel, in dem es eine hohe Jugendarbeitslosigkeit gibt. Lamya Kaddor wundert das nicht, allerdings sagt sie auch: "Natürlich wissen wir, dass nicht alle Dschihadisten Hauptschulabsolventen waren, oder eine niedrigere Bildung haben. Überdurchschnittlich oft ist es aber so, dass sie einen niedrigeren Bildungsgrad mitbringen."

"Soziale Verhältnisse, Ausgrenzungserfahrungen, Diskriminierung spielen eine große Rolle. Diese Faktoren machen eine Radikalisierung schneller möglich. Es spielt eine Rolle, wenn ich aus einem Elternhaus komme, das zerrüttet ist. Das ist ausschlaggebend."
Lamya Kaddor erklärt, warum Menschen in der Pubertät anfällig sind für Menschenfänger

"Die sollen verpulvert werden"

Bisweilen fehlen auch männliche Bezugspersonen. Väter, die ihren Kindern Halt und Orientierung geben und Normen setzen. "Wenn ich das nicht habe, suche ich in der Pubertät nach dieser Instanz, wenn sie vorher nicht anders ausgefüllt wurde. Ich suche nach jemandem, der mir die Welt erklärt." Radikale Islamisten nutzen diese Schwächen schamlos aus, sagt Lamya Kaddor. Und die jungen Menschen, die sie anwerben, seien letztlich nur Brennholz: "Die sollen verpulvert werden."

"Ich suche nach jemandem, der mir die Welt erklärt. Und das ist leichter, wenn jemand sagt, es gibt nur Schwarz- und Weißtöne, gläubig und ungläubig. Manchmal haben wir eine Sehnsucht nach einfachen Erklärungen dieser Welt."
Lamya Kaddor über das Muster der Radikalisierung

Angebote für muslimische Deutsche schaffen

Dagegen helfe nur eins: Gegenangebote schaffen. "Wir müssen das machen, was alle Menschenfänger machen. Wir müssen genauso gut im Bereich der sozialen Arbeit unterwegs sein. Wir müssen Bildungs- und Sportangebote machen, wo muslimische Deutsche wahrgenommen und angesprochen werden, damit sie sich damit identifizieren." Häufig werde den muslimischen Jugendlichen nämlich abgesprochen, dass sie Deutsche sind, obwohl sie hier geboren sind.

"Sie sind Deutsche, aber häufig wird ihnen das abgesprochen. Und häufig sprechen sie sich das auch selber ab. Das ist eine beidseitige Ab- und Ausgrenzung."
Lamya Kaddor über Rolle Identität und Radikalisierung

Schwarz-Weiß-Denken und Verschwörungstheorien

Die salafistische Radikalisierung funktioniere zu Beginn genauso wie jede andere Radikalisierung. Dem zugrunde liegen immer ein Schwarz-Weiß-Denken und Verschwörungstheorien. "Bei Neonazis sind das die Herrenrasse und die mindere Rasse, Arier und Nichtarier. Bei Salafisten sind es Gläubige und Ungläubige, die dann in die Hölle kommen. Die Mechanismen sind aber gleich: eine Person wird vom Umfeld isoliert. Es wird manipuliert, das Gruppengefühl wird gestärkt." Das heiße aber nicht automatisch, dass die Menschen am Ende eine Waffe in die Hand nehmen. Häufig steht aber Gewalt am Ende der Radikalisierung, sagt Lamya Kaddor. "Inwieweit diese eskaliert, ist sehr von der Persönlichkeit abhängig."