Das System Hartz IV ist nicht darauf ausgelegt, den Menschen ohne Arbeit zu helfen, sagt Chef-Kritikerin Inge Hannemann. Die Geschichten, die wir in dieser Einhundert mit und über diese Menschen erzählen, belegen genau das. Wieso zum Beispiel soll eine gelernte Köchin ohne Arbeit kurz nach ihrer Ausbildung eine Umschulung zur Nageldesignerin machen?

Eine Einhundert mit Stephan Beuting.

Hartz-IV-Grafitti
© dpa
Sabine Becker

Atarifrosch kotzt

Sabine Becker hat seit vielen Jahren mit der Arge zu tun - das steht eigentlich für "Arbeitsgemeinschaft SGB II". Bei ihr jedoch hat die Abkürzung eine andere Bedeutung: "Amt für Repression, Grundrechtsentzug und Erniedrigung."

OK, erstmal zur Erklärung der Überschrift: Atarifrosch ist der Nickname von Sabine Becker. Ihr Blog heißt auch so. Ihr erster Freund hat öfter zu ihr gesagt: Sei doch kein Frosch. Das ging ihr irgendwann so auf die Nerven, dass sie beschloss, einer zu sein. Und der Atari war ihr erster Computer.

Und warum kotzen? Der Atarifrosch bzw. Sabine Becker kotzt - natürlich im übertragenen Sinne -, wenn sie mit ihrer Arbeitsagentur zu tun hat. Und das nicht so selten, auch öffentlich auf ihrem Blog.

Seit einigen Jahren schon bekommt sie Erwerbsminderungsrente, weil sie Depressionen hat und weitgehend arbeitsunfähig ist.

Arbeitsagentur verlangt Ungesetzliches

Atarifrosch muss ihre Erwerbsminderungsrente verlängern. Dafür braucht sie von einem Psychiater die Bestätigung, dass sie wegen ihrer Depressionen weiter arbeitsunfähig ist. Der aber bescheinigt, dass sie sechs Stunden pro Tag arbeiten könnte. Sie sieht das anders, klagt vor dem Sozialgericht und bekommt Recht. Die Erwerbsminderungsrente wird auf Umwegen verlängert.

Sabine fühlt sich irgendwann teilweise arbeitsfähig und gründet mit einem Partner zusammen eine IT-Firma. Sie hat nicht viele Aufträge, benötigt weiterhin Geld vom Amt. Das wiederum verlangt, dass sie monatlich ihren Teil des Gewinns der Firma entzieht, was nach aktueller Gesetzeslage unzulässig ist - eine der Situationen, die Sabine jeden guten Glauben an die Arbeitsagentur haben verlieren lassen.

Nachtrag: Im Audio sind uns ein paar Fehler unterlaufen. Der Freund, der die Kamera ausgeliehen hat, wohnt nicht in Reutlingen. Sabine Beckers erster Computer war ein C64, ihren zweiten, den für ihren Nickname verantwortlichen Atari bekam sie erst 1986. Und nicht wegen fehlender Mietnebenkosten wurden Sabine die Leistungen einmal komplett gestrichen, sondern weil andere Unterlagen angeblich verloren gegangen sind.