Thordis ist 16, als sie von ihrem Freund Tom vergewaltigt wird. Jahrelang schweigt sie, dann schreibt sie ihm einen Brief. Die beiden arbeiten das Geschehene auf - und touren nun mit einem gemeinsamen Buch durch Großbritannien. Das sorgt für ziemlich viel Aufregung.

Thordis Elva und Tom Stranger gingen zum gemeinsamen Weihnachtsball von Thordis' Schule. Sie war damals 16, trank zum ersten Mal harten Alkohol. Ihr zwei Jahre älterer Freund Tom, Austauschstudent aus Australien, brachte sie nach Hause. Dort vergewaltigte er sie zwei Stunden lang.

Neun Jahre Schweigen

Lange erzählte Thordis niemandem von dem Vorfall. Sie selbst sagt: Damals habe sie sich geschämt, sich selbst irgendwie die Schuld gegeben, weil sie betrunken war - und sie konnte nicht glauben, dass ihr eigener Freund sie wirklich vergewaltigt hatte. Vergewaltiger waren in ihrem Kopf durchgeknallte Fremde, die einen überfallen - aber nicht der eigene Freund.

Tom ging zurück nach Australien, Thordis lebte ihr Leben weiter. Sie wurde eine erfolgreiche Autorin und Journalistin, lud sich mit Arbeit voll. Aber innerlich, sagt sie heute, 20 Jahres später, ging sie vollkommen kaputt. "Ich betäubte meinen Schmerz mit Alkohol, mit Selbsthass, mit Essensstörungen und erreichte den Tiefpunkt als ich 25 war", sagt Thordis. "Ich brauchte es so dringend, dass er Verantwortung für seine Taten übernahm."

Neun Jahre nach der Vergewaltigung schrieb Thordis einen Brief an Tom. Er schrieb zurück und gab alles zu. Heute sagt Tom, er habe jahrelang versucht, sich einzureden, dass das Sex gewesen sei, und dass er sich jahrelang nicht eingestehen konnte, dass er sie vergewaltigt hatte.

"Ich dachte damals, ich verdiene Thordis' Körper, ich hätte einen Anspruch darauf. Ich war wohl der Auffassung: Wenn ein Junge mit seiner Freundin ausgeht, dann hat er ein Recht darauf, mit ihr Sex zu haben."
Tom Stranger spricht über die Vergewaltigung seiner damaligen Freundin

Nach dem ersten Brief von Thordis schrieben sich die beiden jahrelang, trafen sich in Australien wieder. Heute erzählen sie in ihrem Buch "South of Forgiveness" davon. Das Buch sorgt in Großbritannien für einen riesengroßen Wirbel: Thordis und Tom treten gemeinsam auf, ein Ted-Talk mit den beiden wurde fast 2,8 Millionen Mal angesehen. 

Manche scheinen laut DRadio-Wissen-Reporterin Sandra Pfister der Auffassung zu sein: Ende gut alles gut, die Frau hat ihrem schlimmsten Peiniger vergeben. 

"Das bringt auch viele Frauenrechtlerinnen auf die Palme, die sagen: Frauen, ihr sollt hier nicht eine Privatlösung mit euren Vergewaltigern suchen und ihnen verzeihen, ihr sollt sie anzeigen."
DRadio-Wissen-Reporterin Sandra Pfister

Viele kritisieren außerdem, dass Tom sich auf den Veranstaltungen als netter, gut aussehender Vergewaltiger präsentieren darf und gewissermaßen Applaus für das bekommt, was er getan hat.

Mythos über Vergewaltigungen zerstören

Auf der anderen Seite ist es genau das, was Thordis zeigen möchte, sagt DRadio-Wissen-Reporterin Sandra Pfister: Dass Vergewaltiger keine Monster oder Fremden sind, sondern meistens nette Menschen, die man kennt. Und die beiden wollen nach eigenen Angaben den Mythos zerstören, dass es "schlimme" und "weniger schlimme" Vergewaltigungen gibt und dass Opfer ihre Vergewaltigung vielleicht sogar mit provozieren.

"Wir sind in einer Kultur aufgewachsen, in der den Opfern die Schuld gegeben wird. Wo gesagt wird: Wenn wir betrunken sind, wenn wir kurze Röcke tragen, wenn wir zu breit lächeln, dann tragen wir eine Mitschuld daran, wenn wir missbraucht werden."
Autorin Thordis Elva