Legislative, Exekutive, Judikative und - Finanzwesen. So würde der Kulturwissenschaftler und Philosoph Joseph Vogl die bei uns angewandte Gewaltenteilung aufzählen. Das mit dem Finanzwesen haben wir in der Schule aber nicht so gelernt. Joseph Vogl sagt: Wer das Finanzwesen als vierte Macht im Staate nicht (an)erkennt, sitzt einer Legende auf.

Der Kulturwissenschaftler zerlegt die Legende, nach der Staat und Markt oder Politik und Ökonomie einander als unvereinbare Pole gegenüber stehen. Joseph Vogl zeigt: Die vermeintlichen Pole leben symbiotisch mit- und voneinander. Das Finanzwesen hat sich durch die Jahrhunderte als vierte Macht etabliert - aber als eine, die weder demokratisch legitimiert ist noch demokratisch kontrolliert wird.

"Finanzökonomie wird bis heute durch eine privat-öffentliche Grauzone bestimmt."
Joseph Vogl, Humboldt-Universität zu Berlin

Seit der Finanzkrise 2008 ist diese vierte Macht deutlich zu beobachten: (Zentral-)Banken treten wie politische Akteure auf. Wie sich diese vierte Macht historisch entwickelt hat, erklärt Joseph Vogl in seinem Vortrag "Finanz als 'vierte Gewalt'", den er am 23. Mai auf Einladung des Hamburger Instituts für Sozialforschung gehalten hat.

Joseph Vogl lehrt am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin. 2010 veröffentlichte er das Buch "Das Gespenst des Kapitals", 2015 folgte "Der Souveränitätseffekt".

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